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Sich zuwenden

In diesen Wochen, in denen wir wieder auf die längste Nacht im Jahr zugehen, werden auf erstaunliche Weise all jene Dinge so sichtbar, die unserer Zuwendung bedürfen.  Das „zu viel von“ und das „zu wenig von“ zeigt sich, unsere Vorstellungen davon, wie die Dinge sein sollten und unser Widerstand gegen die Dinge, die wir anders haben wollen, als sie sind.

Üblicherweise schrecken wir zurück. Üblicherweise lehnen wir die Erfahrung von Stress, Kummer und Sorgen ab. Üblicherweise wenden wir uns reflexartig ab, geben anderen oder uns selbst Schuld. Üblicherweise glauben wir, wir selbst und unsere Erfahrung, die anderen, die Dinge, sollten anders sein, als sie sind.

Achtsamkeit lehrt uns die Kunst, uns mit freundlicher Aufmerksamkeit zuzuwenden. Jenen Momenten, die schön und harmonisch sind, und auch jenen, die nicht schön sind, in denen wir es gerade schwer haben.

Wir begegnen dem Stress, so gefangen im eigenen Stress. Dem Kummer, ganz grau vom Kummer über sich selbst. Der Trauer, so endlos traurig über die eigene Traurigkeit.

Sie alle brauchen es so sehr, dass sich ein Teil von uns zuwendet der sicher darauf vertraut: es gibt mehr als die Angst, mehr als den Stress, mehr als die Traurigkeit. Das ist als würden wir uns einem Kind zuwenden und es trösten – interessiert, präsent und mitfühlend. Auf diese Weise bringen wir freundliche Zuwendung wie ein Licht zu unserem Stress, zum Kummer, zur Angst.
Und wirklich können sie sich dann verändern und in einem anderem Licht erscheinen.

Auf dem Weg der Achtsamkeit lernen wir, uns selbst auf diese Weise zuzuwenden. Wir stärken den inneren Anteil in uns, der sich voller Weisheit und Mitgefühl tröstend zuwenden kann – uns selbst und anderen.

Text: Julia Grösch
Foto: pixabay

Ab Januar plane ich neue Kurse für Selbstunterstützung durch Achtsamkeit: Am Dienstag, 15. Januar, beginnt ein neuer Kurs zur Einführung in die Praxis der Achtsamkeit und am Donnerstag, 21. Januar ein neuer Kurs für Achtsamkeit in der Familie.

 

Meditation mit Blättern

Die Blätter fallen. Jeder kleine Windstoß, der zwischen die Äste der Birke fährt, löst sie und lässt sie sanft zu Boden rieseln. Rund um den Baum ist schon ein gelber Teppich entstanden und wenn ich durch den Garten gehe, raschelt unter den Schuhen das welke Laub.

Ich sitze still und schaue den Blättern zu. Ihrem Tanz im Wind, der mir fröhlich erscheint, ein wenig aufgeregt vielleicht, als würden sie ihre Reise zur Erde genießen, ja als wüßten sie, dass sie nicht umsonst fallen und dass sie auch nicht verloren gehen.

Viel wird jetzt davon geredet, dass der Herbst die Zeit des „loslassens“ ist und dass auch wir Menschen immer wieder loslassen müssen. Aber lässt ein Baum seine Blätter los? Oder lässt er sie nicht vielmehr einfach sein, nämlich das, was sie jetzt sind: bunte, welke Blätter auf ihrem Weg zur Erde?

Und ich denke: Wir müssen doch nicht so viel tun, vor allem uns nicht krampfhaft dazu zwingen, loszulassen, was sich noch nicht lösen kann. Es reicht, manches einfach sein zu lassen: Gedanken und Gefühle im Augenblick, unsere Neigung, an Dingen, Urteilen oder Ideen festzuhalten. Unsere Kinder und andere Menschen auf ihren oft verschlungenen Wegen, uns selbst auf oft verschlungenen Wegen. Auf verschlungenen Wegen unterwegs zu sein, dabei zu denken und zu fühlen, zu trauern und Angst zu haben, zu lieben und Freude zu erleben, all das macht uns zu lebendigen Wesen, zu menschlichen Wesen. Es geht nicht darum, innere Prozesse zu beschleunigen, sich anzutreiben und sich immer wieder dem subtilen Druck zur Selbstverbesserung auszusetzen.

Alles löst sich ja im eigenen Tempo. Ich schaue dem Baum zu, wie er die Blätter sein lässt – und wie sie jetzt sein können, wie sie jetzt sind – bunte, welke Blätter, die fallen und sich wandeln. Ich bemerke meine Gedanken über Blätter im Herbst und die Gefühle, die sie auslösen. Meinen Atem, der kommt, der geht. Und ich, ein Mensch im Garten, plane die Blätter liegen zu lassen –  ein Tischtuch für den Winter.

 

Angst – das scheue Tier

In dem wunderbaren Jugendbuch „Ein Dorf am Meer“* der amerikanischen Schriftstellerin Paula Fox stoße ich auf einen kleinen Text über die Angst:

„Ich stelle mir vor, dass ein scheues Tier in mir ist“, sagt da ein Vater zu seiner Tochter. Und er erklärt ihr weiter: „Wenn es Angst hat, spüre ich es zittern. Es kann nicht hören. Es kennt nur die Angst, die es empfindet. Es hat weder Gedächtnis noch eine Vorstellung von der Zukunft. Es lebt in der Gegenwart – im Hier und Jetzt – und ich versuche mir einzureden, dass es nur ein Teil von mir ist, ein kleines ängstliches Ding, das ich bedauern kann. Wenn mir das gelingt, geschieht etwas. Das Tier hat dann nicht mehr so viel Angst.“

Ja, denke ich mir, da ist Paula Fox tief eingetaucht, um das Wesen der Angst zu erforschen.
Angst – dieses scheue Tier – kennt nur die Angst. Und es kennt nur die Angst vor der Angst und erzittert vor der eigenen Angst. Es kennt keinen Ausweg.

Aber: es kennt das Hier und Jetzt. Und genau dorthin können wir gehen, um uns der Angst zuzuwenden. Mitfühlend.
Und dann verändert sich etwas.

Oft lassen wir uns von der Angst in die Zukunft treiben. Hin zu der Frage, was sein wird. Wir sind dann wie gelähmt. Von der Zukunft aus können wir der Angst nicht begegnen. Wir müssen schon hingehen, an den Ort in uns, an dem die Angst sitzt.

Achtsamkeit lehrt uns, in Momenten der Angst mit unserem Atem verbunden zu sein. Und zu spüren, wir sind mehr als die Angst…

*Fischer Taschenbuch Verlag 2011

 

 

Gedanken erforschen

Gedanken haben Schönes und Schwieriges mit uns im Sinn, sie meinen aber nichts davon persönlich. Sie kommen und gehen einfach und mir gefällt die Vorstellung, dass sie mit Paketen gefüllte Rucksäcke herumtragen, die wir entgegen nehmen und öffnen können – oder einfach mit dem Vermerk „unbekannt verzogen“ weiter wandern lassen. Denn nicht jedes Paket, dass vorbei kommt, ist auch an uns adressiert.

Achtsamkeitsübungen lehren uns, das Kommen, Dasein und Gehen unserer Gedanken zu bemerken, ohne etwas zu unterdrücken oder festzuhalten. Wir lernen, wie wir mit den Päckchen umgehen können, ob wir sie gierig an uns reißen und sofort öffnen, ob wir sie zunächst einmal vorsichtig betrachten, ob wir ihnen interessiert oder misstrauisch begegnen. Nach und nach bemerken wir, dass nicht alles was glänzend daher kommt auch Gold ist, wir erleben auch Überraschungen und manchmal stehen wir vor einer Ansammlung von Plunder, den einfach kein Mensch braucht…

Die wichtige Frage im Alltag ist aber immer wieder, was eigentlich die Qualität unserer beeinflusst. Wie können wir leben, wie können wir sein, damit wir uns von unseren Gedanken unterstützt fühlen, damit sie uns weniger in die Irre führen, damit sie wir ihnen vertrauen können? In welchen Situationen sind unser Gedanken ein langer ruhiger Fluss, wann rasen sie wie aufgepeitscht durch die Gegend? Unterscheidet sich die Qualität unserer Gedanken wenn wir durch den Wald oder am Wasser entlang gehen von der Qualität der Gedanken im Supermarkt oder beim Ausräumen der Spülmaschine? Beeinflusst unsere Nahrung unsere Gedanken und wie sind die Gedanken NACH einer Meditation? Was macht die Arbeit am PC mit den Gedanken, beim Lesen von Nachrichten, wenn du Vogelgezwitscher hörst oder den Wind, der durch die Blätter weht?

In welchen Situationen fühlst du dich wohl und im Einklang mit dem Reichtum deiner Gedanken?

Wir können immer wieder eigenen kleinen Ideen folgen, spielerisch fast, ganz nach eigenem Interesse und im eigenen Tempo. Es gibt nicht zu erreichen, nicht zu verbessern, es geht nicht darum, besonders gut oder erfolgreich in dieser Sache zu sein. Wenn wir aber immer mal wieder innehalten und den Gedanken mit freundlichem Interesse nachspüren, ohne sie für den Inhalt ihrer Rucksäcke zu verurteilen, verändert sich etwas…

Text: Julia Grösch
Foto: pixabay

Sich Zeit nehmen

Bedrängt von dem Gefühl, „alles schaffen zu müssen“, ist „sich Zeit nehmen“ eine Kunst und ein Wagnis zugleich. Wagen wir es, samstags in der städtischen Fußgängerzone einmal bewusst einen Fuß vor den anderen zu setzen und langsam zu gehen? Wagen wir es noch, uns in der Mittagspause zu einem Essen hinzusetzen und uns Zeit für Schmecken und Kauen zu nehmen? Und wäre es nicht eine Revolution, unseren Kindern morgens Zeit zu lassen, um in den Tag zu starten? Wagen wir es, empörte Blicke und Bemerkungen auszuhalten, wenn wir an der Supermarktkasse das Gemüse nicht eilig in die Einkaufskarre werfen? Weiterlesen

Jon Kabat Zinn: Präsenz

„Präsent sein ist alles andere als eine Kleinigkeit. Es ist vielleicht die schwerste Arbeit der Welt. Ach, vergessen Sie ruhig das „vielleicht“. Es ist die schwerste Arbeit der Welt – zumindest das Aufrechterhalten der Präsenz. Und die wichtigste Arbeit. Wenn sie zur Präsenz gelangen – und gesunde Kinder leben die meiste Zeit in der Landschaft der Präsenz – dann wissen Sie es augenblicklich, dann fühlen Sie sich sofort zu Hause. Und da sie zu Hause sind, können Sie sich entspannen, können Sie loslassen, können Sie in Ihrem Sein ruhen, in Gewahrsein, in der Präsenz selbst, in Ihrer eigenen guten Gesellschaft.“

Jon Kabat Zinn „Zur Besinnung kommen“
Foto: Pixabay/Zichrini

Bindung

Ankommen
einfach da sein
atmen
wahrnehmen.

Verbunden sein
mit mir
und dir
im Spüren
im Schauen
im Hören.

Mich spüren,
mein Tempo,
meine Kraft.
Mich strecken,
wachsen,
Grenzen weiten,
lernen,
beobachten,
im Gleichgewicht sein.

Glück ist:
Neues erkunden –
und scheitern dürfen.

Nicht gedrängt
und nicht gebremst zu sein
in dem Wunsch
bei dir
und zugleich
bei mir
zu sein.
(j.g.)
Foto: pixabay/StockSnap

 

Reichtum der Gedanken

Immer mal wieder begegnet mir beim Lesen ganz unverhofft ein kleiner Satz, der mein Verständnis von Achtsamkeit wieder ein wenig wandelt oder ergänzt. Das ist, als würde eine kleine Glocke erklingen. Etwas berührt mich, etwas schwingt. Etwas, das zuvor nicht da war, ist plötzlich neu entstanden.

So ist es mir dieser Tage beim Lesen eines Romans ergangen, genauer gesagt der Geschichte einer Frau, die dem Leben ihrer Mutter nachspürt*. Während sie erzählt wird ihr die eigene Angst vor dem Alter und dem Alleinsein bewusst. Bei einem der letzten Telefonate mit der Mutter „sagte ich zu ihr, ich würde anfangen, mich vor dem Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein. Ich rückte damit raus, dass es mir schwerfiel zu sehen, wie sie an ihre Wohnung gebunden war, dass es mich bedrückte und mir Angst machte. ‚Du musst dir keine Sorgen machen‘, hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen, zuversichtlichen Stimme. ‚Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.‘ „

Das fand ich schön. Und tröstlich. Und irgendwie ist mir seit einiger Zeit mal wieder bewusst geworden: Gedanken verursachen nicht nur Irrungen und Wirrungen in unserem Leben, weil sie vorauseilen, sich im Kreis drehen oder dem Hier und Jetzt hinterher hinken. Unsere Gedanken sind nicht nur vorüberziehende Wolken, die den Blick auf den blauen Himmel verstellen. Sie sind  auch ein Reichtum, an dem wir uns erfreuen können.

Dies bedeutet nicht, dass wir uns nicht auch bewusst machen sollten, wie Gedanken kommen und gehen und wie uns unsere unbewussten Reaktionen auf sie ziemlichen Stress machen können. Und zugleich gilt es, auch die angenehme, schöne, freudige, tröstende oder verspielte Qualität unserer Gedanken mit einzubeziehen. Unsere Gedanken sind nicht da, um uns Stress und Schwierigkeiten zu machen. Wir können uns von ihnen auch bewusst führen lassen um Lösungen zu finden, kreativ zu werden oder etwas Heilsames in die Welt zu bringen.

Wenn wir präsenter werden für den Augenblick, wenn wir zu Ruhe kommen und innehalten, bemerken wir auch jene Qualitäten an unserer Gedanken, die uns unterstützten und denen wir auch vertrauen können…

Zu diesem Thema will ich noch etwas weiter forschen und ich freue mich wie immer über Kommentare hier im Blog oder auch per email!

Herzliche Grüße
Julia

*Kristine Bilkau: Eine Liebe in Gedanken. Luchterhand Verlag  (ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen! Es geht um ein Frauenleben in den 60er Jahren, um den großen Aufbruch der Frauen in dieser Zeit und darum, wie Liebe und Emanzipation dann doch nicht gelingen – oder ganz  anders, als erwartet….)

Foto: Pixabay/StockSnap

 

Einfach achtsam

Es geht darum, Achtsamkeit, Mitgefühl, Freude, Leichtigkeit und innere Klarheit im Leben wachsen zu lassen. Es geht um den freundlichen Umgang mit sich selbst und um die Frage, was wir in die Welt bringen können – in diesem einzigen, unwiederbringlichen, kostbaren Augenblick. Es geht um diesen Moment, diesen Atemzug, diesen Schritt, diesen Gedanken – und um dieses Wort. In meinen Kursen, auf Spaziergängen, im Zuhören und Schreiben begleite ich Menschen auf diesem Weg.  Herzlichst Julia Grösch

Foto: pixabay

 

Meditation

Jenseits der äußeren Gegebenheiten die unser Leben so oft bestimmen, gibt es in uns einen Ort, an dem wir uns jederzeit niederlassen können. An diesem Ort verbinden wir uns immer wieder neu mit Stille, Präsenz, Offenheit, Freundlichkeit und Mitgefühl. Meditation heißt, sich um diesen Weg nach innen zu kümmern, ihn immer wieder frei zu räumen. Von dort aus sind wir verbunden, sicher und einverstanden – können zu Kraft und mehr Klarheit  finden und zugleich gut für uns sorgen. Von dort aus können wir auch bewusster entscheiden, wie wir mit uns umgehen und was wir in die Welt bringen wollen – in der Begegnung mit uns selbst, mit Erwachsenen und Kindern, Tieren, Pflanzen und allem, was da ist.

Achtsamkeitsmeditation ist keine Phantasiereise und keine Entspannungsübung. Vielmehr geht es darum, wach zu sein für unsere Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen. Während der Meditation sind wir „ganz da“ . Dies kann zu Entspannung, Friedlichkeit und einem Gefühl von Verbundenhit oder auch innerer Klarheit führen. Es gibt aber kein „so muss es sein“.

Eine Übung:

Sitze einfach nur da, auf einem Stuhl oder einem Kissen am Boden.
Versuche so zu sitzen, dass dein Atem gut fließen kann – aufrecht, aber bequem.
Wenn es dir angenehm ist, kannst du deine Hände auf den Herzraum oder den Bauch legen.
Lass zu, dass sich die Augen schließen.

Nimm einen oder zwei etwas tiefere Atemzüge.
Und richte deine Aufmerksamkeit dann auf den natürlichen Atem.
Nimm wahr, wie der Atem fließt. Du musst nichts tun und nichts verändern.

Einfach nur den Atem beobachten.

Diesen Atemzug… und diesen… und diesen…

Und wenn Gedanken aufkommen, dann ist das völlig normal – es zeigt nur, dass du ein menschliches Gehirn hast. Unsere Gedanken wandern eben gerne.
Bemerke einfach, dass die Gedanken wandern – und kehre mit einer sanften inneren Bewegung zur Empfindung des Atems zurück.

Sitze so für drei Minuten und kehre dann in deinem Tempo zu deinm Alltag zurück.